Innovation in der Traktionsoptimierung – das variable Sandungssystem im Praxisdialog
Im Gespräch mit Ross Orchard, Siemens Mobility beleuchten wir den Einsatz eines geschwindigkeitsabhängigen Sandungssystems im modernen Dieseltriebwagenbetrieb. Im Fokus steht der GripMaster® von HANNING & KAHL, der durch seine variable, stufenlose Dosierung neue Maßstäbe in der Traktionsoptimierung setzt.
tram.news: Das Interview gibt Einblicke in die technischen Anforderungen, die Entwicklung sowie die praktische Umsetzung im Betrieb und zeigt, welchen Beitrag die Zusammenarbeit beider Unternehmen zu mehr Effizienz, Sicherheit und Nachhaltigkeit im Schienenverkehr leistet.
Ross Orchard: Unsere Partnerschaft mit HANNING & KAHL hat gezeigt, was erreicht werden kann, wenn Unternehmen ihr Fachwissen bündeln, um konkrete betriebliche Herausforderungen zu meistern. Gemeinsam haben wir das GripMaster®/Variable Rate Sanding (VRS) von einem innovativen Konzept zu einer preisgekrönten Technologie weiterentwickelt, die Betreibern, Wartungspersonal und Fahrgästen gleichermaßen Vorteile bietet. Wir freuen uns, in diesem Interview einen Einblick in diesen Entwicklungsprozess zu geben.
tram.news: Welche konkreten betrieblichen Herausforderungen im Dieseltriebwagenbetrieb haben zur Einführung des variablen Sandungssystems geführt, und wie hat sich der Bedarf im Vergleich zu klassischen Sandungslösungen verändert?
Ross Orchard: Eine der größten Herausforderungen für Dieseltriebwagen ist der Umgang mit wechselnden Haftungsverhältnissen, insbesondere im Herbst und Winter. Herkömmliche Sandungssysteme arbeiten in der Regel mit einer festen Sandmenge, was bedeutet, dass sie nicht immer effektiv auf die tatsächlichen Bedingungen reagieren können, denen der Zug ausgesetzt ist.
GripMaster®/VRS wurde entwickelt, um diesem Problem zu begegnen, indem die Sandmenge automatisch an Faktoren wie Geschwindigkeit und Bremsbedarf angepasst wird. Dies trägt zur Verbesserung der Bremsleistung bei und sorgt gleichzeitig für einen effizienteren Einsatz des Streuguts.
In den letzten Jahren haben wir ein wachsendes Interesse seitens der Betreiber und Flottenbesitzer beobachtet, die mehr als nur einen gleichwertigen Ersatz suchen. Sie wollen Lösungen, die die Leistung verbessern, das Betriebsrisiko senken und messbare Vorteile bieten – und genau hier hat GripMasterJ wirklich an Dynamik gewonnen.
tram.news: Welche messbaren Verbesserungen (z. B. Traktionsverhalten, Bremsweg, Rad-Schiene-Adhäsion, Sandverbrauch) konnten seit der Einführung des GripMaster®/VRS im Betrieb festgestellt werden?
Ross Orchard: Die bedeutendste Verbesserung wurde bei der Bremsleistung unter Bedingungen mit geringer Haftung erzielt. Tests des Rail Safety and Standards Board (RSSB) haben gezeigt, dass eine variable Streuung den Bremsweg in bestimmten Szenarien im Vergleich zu herkömmlichen Systemen mit fester Streumenge um bis zu 50 % verkürzen kann.
Wir haben zudem eine verbesserte Rad-Schiene-Haftung sowie ein gleichmäßigeres Traktions- und Bremsverhalten festgestellt, insbesondere unter schwierigen saisonalen Bedingungen. Ein weiterer wesentlicher Vorteil besteht darin, dass Sand nur dann und dort ausgebracht wird, wo er benötigt wird, was dazu beiträgt, den Sandverbrauch zu optimieren und unnötiges Nachfüllen zu reduzieren.
tram.news: Welche Rolle spielt die geschwindigkeitsabhängige und stufenlose Dosierung in der Optimierung der Adhäsion, insbesondere unter wechselnden Witterungs- und Gleisbedingungen?
Ross Orchard: Der entscheidende Vorteil besteht darin, dass das System auf die tatsächlichen Bedingungen reagieren kann, denen der Zug ausgesetzt ist, anstatt einen einheitlichen Ansatz zu verfolgen. Wenn sich die Wetter- und Gleisbedingungen ändern, passt sich die Streumenge entsprechend an.
tram.news: Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit HANNING & KAHL in Bezug auf Entwicklungsprozess, Systemintegration und Anpassung an spezifische Fahrzeuganforderungen?
Ross Orchard: Sehr hoch. Die Einführung einer Innovation wie dem GripMaster®/Variable Rate Sanding erfordert eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten, und Hanning & Kahl war während des gesamten Prozesses ein zuverlässiger Partner.
Von der Entwicklung über die Testphase bis hin zur Integration in die Flotte haben sie sich als reaktionsschnell und pragmatisch erwiesen und waren stets bereit, die besonderen Herausforderungen zu meistern, die jeder Fahrzeugtyp mit sich bringt. Dieser kooperative Ansatz hat maßgeblich zum Erfolg des Projekts beigetragen.
Wir konnten über die tägliche Projektarbeit hinaus enge Beziehungen zum Team von Hanning & Kahl aufzubauen. Ihre Kundenorientierung, Professionalität und positive Einstellung zur Zusammenarbeit haben dazu beigetragen, ein echtes Gefühl der Partnerschaft zu schaffen, das für die Erzielung erfolgreicher Ergebnisse für unsere Kunden von unschätzbarem Wert ist.
tram.news: Welche Bedeutung hat die Auszeichnung bei den National Rail Awards 2024 für die weitere Skalierung oder den Einsatz der Technologie in zukünftigen Fahrzeugprojekten?
Ross Orchard: Die Auszeichnung war ein stolzer Moment für das gesamte Team und eine große Anerkennung dafür, was durch Zusammenarbeit und Innovation erreicht werden kann.
Vor allem aber trug sie dazu bei, dass Verfahren GripMaster®/Variable Rate Sanding einem breiteren Publikum in der Bahnbranche bekannt zu machen. Infolgedessen verzeichnen wir ein wachsendes Interesse seitens Betreiber und Flottenbesitzern, die die Vorteile dieses Sandungssystem für ihre eigenen Flotten erkunden möchten.
Kurzvita
Ross Orchard. Fleet Strategy Manager bei Siemens Mobility, spezialisiert auf das Asset Management von Schienenfahrzeugen, Innovation, digitale Transformation und kundenorientierte Lösungen zur Verbesserung der Flottenleistung, Zuverlässigkeit und Nachhaltigkeit.